Nachklang 15.09.2019 KUNSTVEREIN DUISBURG

NACHKLANG

Vor einer Wandarbeit zu 9/11

Anlässlich einer Ausstellung des Bildhauers Hans-Jürgen Vorsatz (1945)
„- meine Sprache – wovon ich Rede …….. wenn ich Rede“

24. August – 29. September 2019

Im KUNSTVEREIN DUISBURG
Künstlerfrühstück im KUNSTVEREIN DUISBURG
Sonntag 15. September 2019 um 10:00 Uhr
NACHKLANG für ein paar Minuten
von Thomas Bremser (1958)
Epilog aus VOR*Lesung 1.3 (2019)




Aus DER ROTE FADEN Odysseus
1989 begann der Zyklus TRIUMVIRAT
Orpheus – Odysseus – Messias


„Ein Lied“ von Else Lasker Schüler (1869-1945) / Sprache
„Flow my tears“ von John Dowland (1563-1626) / Gesang
Musikalische Bearbeitung für Altus und analogen Synthesizer von Thomas Bremser
Thomas Bremser – Altus und MOOG-Synthesizer Modell:  GRANDMOTHER

VORTRAG

Hans-Jürgen Vorsatz ist ein Bildhauer
Hans-Jürgen Vorsatz hat eine Wandarbeit über die schrecklichen Ereignisse des 11.Septembers 2001 in NEW YORK CITY gemacht.

Hans-Jürgen Vorsatz ließ mich durch diese Wandarbeit erschaudern und aufmerken, als ich mit ihm, vor einer anberaumten Pressekonferenz, hier im Kunstverein Duisburg, ein Interview für die RHEINISCHE POST führte, und er mir versuchte sein Werk näher zu bringen.

Ich heiße Thomas Bremser, wohne seit 1986 in Duisburg und bin zuallererst ein Sänger. Zu der Zeit des Anschlages beschäftigte ich mich musikalisch mit William Shakespeare und hatte mit einer Akkordeonspielerin das Duo Zungenreden „Altus und Akkordeon“.

Am 11. September 2001 gegen 16:00 kam ich von Bochum nach Hause, machte den Fernseher an und wurde ungläubiger Zeuge einer Katastrophe, die unsere Welt für immer verändern sollte.

Dieses ungeheuerliche Geschehen kam für Sekunden beim Rundgang mit Hans-Jürgen Vorsatz wieder, wurde sozusagen wiederbelebt, beatmet, künstlich und künstlerisch am Leben gehalten, getriggert, gebohrt, gemeißelt, an die Wand gekippt, gemalt, gestrichen, hämmernd beschworen. All das, lieber Hans-Jürgen Vorsatz flutete schließlich meine Sinne.

Und plötzlich sagte ich zu Hans-Jürgen Vorsatz: „Hieraus, lieber Herr Vorsatz, müssen wir mehr machen! Nicht nur dieses kleine Interview, diesen einen Zeitungsartikel“

Ich bin und war beeindruckt. Das ist auch der Grund, warum ich diesem Künstlerbund beigetreten bin. Hier kannst Du etwas sagen und machen. Gerade sage ich, gleich mache ich!

Damals wusste ich noch nicht wie, und jetzt stehe ich hier, dank Hans-Jürgen Vorsatz und dem mutigen Herbert Gorba vor Euch und werde versuchen, anhand meiner Kunst in die Wandarbeit von Hans-Jürgen Vorsatz zu schlüpfen, wie in ein Tableau, eine Szene, ein Bühnenstück oder ein auch ein Hörspiel, oder gar einen Film, um Euch zu erzählen.
Vom Götter-Himmel hoch da komm ich her, ich bring Euch gute, neue Mär. Der guten Mär bring ich so viel. Davon ich singen und sagen will.

Bei aller Traurigkeit, bei aller Schmerzhaftigkeit, bleibt uns, den Überlebenden, nur die Chance der Reflexion und der unermüdlichen Wahrheitssuche in unserer Kunst.

Hauptdarsteller am heutigen Tag sind:
Ein analoger semimodularer Synthesizer mit dem Namen MOOG GRANDMOTHER
Eine aktive Lautsprecherbox der Velberter Firma AER
Ein Mikrofon der Firma NEUMANN
Kabel der Duisburger Firma RHEINGOLD MUSIC
Dazu gesellt sich meine menschliche Sprechstimme und die Gesangsstimme des Altus oder Countertenors.

Die Versuchsanordnung ist klar – die Werkzeuge sind bereit!

Das Gedicht ist von Else-Lasker Schüler
Die Musik ist von mir improvisiert nach einem berühmten Lied des Lautenisten John Dowland.



All das werden wir, Ihr und ich auch in meiner kleinen musikalischen Einlassung gleich live erleben.
Mein neustes Projekt heißt VOR*Lesung 1.3 mit dem Titel DER ROTE FADEN. In dieser Inszenierung geht um eine Art geschichtlicher Familienaufstellung, Großväter, Großmütter, Mütter, Väter, Schwestern, Brüder und Tanten und Bekannte, die so ein mittlerweile 60jähriges Leben freiwillig und unfreiwillig begleiteten. Ich versuche dort mit Texten und Musik anhand eines roten Fadens zu erklären, wer ich sei, als hätt ich, als wär ich – kein Menschenkind kann sagen was.

Ja das ist ein Vers aus Shakespeares SOMMERNACHTSTRAUM, als Zettel, verwandelt in einen Esel, der aus einem bösen Traum erwacht…

Jetzt seid ihr auch in meiner Familienaufstellung angekommen.

Lasst uns beginnen:

Das Triptychon des Hans-Jürgen Vorsatz.

In einem modernen Trojanischen Pferd mit ferngesteuerten, listigen, zynischen, menschenverachtenden religiösen Verblendeten und unschuldigen Menschen, die zufällig zur falschen Zeit, am falschen Ort, in diesen rasenden explosiven Meißel eingestiegen waren, bleibt Erinnerung wach.

Noch nicht ahnend, dass die Bruchkante, der Einschlag, das Bersten, das Brechen, das Zertrümmern, das Explodieren nicht nur Ihnen und den Anderen das Leben nehmen wird. Das Opfer was die Unschuldigen am 11. September 2001 bringen mussten, kann nicht das Ende der menschlichen Schöpfung sein, sondern ist und wird immer ein Licht, eine Hoffnung inmitten von menschlicher Wut und Zerstörung.

Dies in Gänze, allumfassend zu beschreiben, ist a priori zum Scheitern verurteilt. Es zu Richten- die Schuld zu sühnen – Gerechtigkeit herzustellen – unmöglich.

Hans-Jürgen Vorsatz hat es trotzdem getan. Er tut, er macht- er erarbeitet sich das Grauen über das Tun

Vielleicht unbewusst in einer dreiteiligen Wandarbeit. Die magische Zahl Drei. Das Grauen in 3 Teilen wird fassbarer. Das Auge des Betrachters Abstand halten um alles zu sehen.

Das ist nicht einfach – alles zu sehen.

Natürlich möchte ich das linke Bild mit dem Geheimnis aus Gold einzeln betrachten. Das Kostbare, das Geheimnis unserer Kultur. Auch der Fetisch des Goldes, als Ausdruck des Reichtums. Die goldenen Kuppeln der Kirchen oder der Moscheen. Die vergoldete Gier nach Macht durch Unterdrückung – und schließlich das Ende – die absolute Zerstörung im Endsieg.

Aber die scharfen, blutigen Kanten in der Mitte lassen erahnen, was ganz rechts passieren wir. Die Abbruchkante, die Explosion im menschlichen Steinbruch des Hans-Jürgen Vorsatz, zeigt uns unseren innersten Abgrund und die Aggression, die zur Liebe bereit, auch das Böse in sich birgt.