ZETTELKASTEN HÖRSPIEL / DER ROTE FADEN

Material Hörspiel Herbst/Winter 2019/2020 von STERNENSTAUBMUSIK

AUSZÜGE…

ORFEO/FAUSTL:
Wo beginnt meine Geschichte über die Nymphe Frau Eurydike, die Ehefrau von Orpheus? Irgendwo, im Hier und Jetzt? Dürften wir, pardon! Würden wir Frau Eurydike vor dem zweifachen Tod heutzutage retten können? Gäbe es Mittel und Wege einen verstorbenen Menschen, mal ganz abgesehen von christlicher Auferstehung und Himmelfahrt, oder sogar obskurer Stimmen und angeblicher Begegnungen aus dem Jenseits, wieder ins Leben zu holen.
Als Bedingung hierfür, gäbe es nur ein paar Regeln zu beachten? Wie in einem Quiz, bei einem Ballspiel oder beim Skat. Bube, Dame, Zeus, Apollo. Eurydike konnte nicht passen, musste mitmachen, hätte gerne schieben wollen, einfach aussetzen – musste den Spieltisch aber frühzeitig verlassen. Was könnte ich über eine verstorbene junge Frau schreiben, die vor langer, sehr langer Zeit, vor dem rasenden Aristaios floh.
Aristaios, Orpheus Halbbruder. Einer dieser Buben, der ausgerechnet auch noch der Sohn des Apollos aus der Verbindung mit Kyrene war.
Fräulein Eurydike floh vor ihrer eigenen Vergewaltigung, trat auf eine Schlange und starb. 
EURYDIKE/CATERINUCCIA/ARIADNE:
Ich – ja ich meine sehr verehrten Damen und Herren, starb an dem giftigen Biss!
Und weg war ich!
Zum ersten Mal!
Ja, aufgepasst! Es wird ein zweites Mal geben.

,,Was hast du verwirket?“, fragte der Komponist Heinrich Schütz in tiefe Altstimme gekleidet, den Gekreuzigten in einem seiner geistlichen Konzerte. ,,Was ist deine Schuld, dass du so verurteilt warst? Was war Dein Verbrechen?“.

Warst du schon dem Aristaios versprochen?
Hatte er das Recht über dich zu bestimmen; dir den diskreten, lebendigen Tod zu schicken? Ach, Orpheus, lieber Orpheus, du armer, guter Sänger, Heiler und nun – Witwer.


Heinrich Schütz „Was hast Du verwirket“ Thomas Bremser Altus

ORFEO/ FAUSTL:
Beginnen wir! … und hereinspaziert! Einbalsamierte Zeit drängt in meine Gegenwart. Stolpert letztlich synkopisch, als gegen den Takt, in mein Jetzt, dass sowieso quer zur Zeit auf meiner Haut flimmert – wie eine Membran, die vibriert und klingt; so zart, so klar, so unnahbar.

Ich bin mir selbst fremd geworden, seit ich nur scheinbar diesen Lebensflug in meine Wirklichkeit antrat. Die Kollision mit einigen, in heißer Lieb gebratenen Erinnerungen, lässt mich um die eigene Achse trudeln. Ich falle hinauf, in die Takte der Sehnsucht.

„Hilfe, ich kollidiere!“ platzte es aus mir heraus. War jetzt gerade alles vorbei, ehe etwas angefangen hatte. Würde ich jetzt gleich, endlich, etwas in mir Verlorenes finden? Das letzte was ich sah war eine amerikanische Flagge und diese goldene Scheibe, die ich fest umschlossen kurz in der Hand hielt. So schien es jedenfalls, als ich im Inneren eines Gallertartigen Körpers verschlungen wurde. Ich war wohl kurz, wegen des äußerst weichen, sehr untypischen Aufpralls, ohnmächtig geworden. Feucht und warm entschied ich, für ein paar Takte, mich nicht zu bewegen.

An dieser Stelle wäre es für das verehrte Publikum wichtig zu wissen, dass ich, F AUSTL, das Vergangene, das Gegenwärtige und das Zukünftige in musikalischen Takten erlebe.

Sicherlich ist die Erdenbürger-Zeitmessung sehr ähnlich, annähernd; besonders in den Pausen, wo kein Klang oder Geräusch das ewige quälende Rauschen übertönt. Im Moment ist nur dieses innere Rauschen und die Erinnerung an Klang und Geräusch.
Für Klang und Geräusch braucht es ein bestimmtes Gas, was das Lauschen ermöglicht.
Ich war leider in den letzten Jahren sehr verschwenderisch mit meinen Vorräten umgegangen. Und so blieb erstmal alles still.

In der Stille ruht der Klang. Bereitet sich vor, wie das Feuchte im Trockenen. In der Einsamkeit kämpft sich die Sehnsucht unermüdlich durch – Und manchmal ist die Stille, das Alleinsein, schier unerträglich. Dann ist es gut die gefüllte Gasflasche bei sich zu tragen. Träum weiter FAUSTL. Kein Gas, kein Klang; nur blanke Nichts …

Nicht nur die gravierte Goldscheibe berührte ich mit den Händen, sondern auch ein weißes Spitzentaschentuch verfing sich an meinem Taktgeber am Arm. Dieses Spitzentaschentuch, was einigermaßen gut erhalten schien, trug zwei üppig verzierte

Großbuchstaben – C.M. – eine Abkürzung für Centimeter, einer irdischen Längeneinheit. Die Punkte zwischen den Buchstaben deuteten aber eindeutig auf Initialen hin.

C.M. – ich wusste sofort wer gemeint war. Als ich, bzw. als er als ich, also zusätzlich auch als Orpheus Britannicus, alias Henry Purcell, meiner Frau Francis den Hof machte, hatte sie sich auch ein solches Spitzentaschentuch in ihr Dekolléte gesteckt.
CATERINUCCIA:
Jetzt komme ich ins Spiel. Die Sängerin Caterina Martinelli – genannt Caterinuccia!
ORFEO/FAUSTL:
Es handelt sich hier um die römische Sängerin Caterina Martinelli, die im Hause Monteverdis, Anfang des 17. Jahrhunderts Gesangsunterricht erhielt.
Da FAUSTL auf seinem Sturzflug zur Erde dem Breitgürtelasteroiden 4040_Purcell begegnet und über Odysseus, Eurydike, Penelope und Orpheus stolpert, ist es nicht verwunderlich, dass er ausgerechnet hart Backbord im Bugwasser der Queen Mary II landet; dort sich als Musiker und Sänger ausgibt und ein Solokonzert im Theater an Bord der Queen Mary II gibt.
Auch Henry Purcell wird als „schizoides Halluzzi“ auftauchen und Verwirrung stiften. In seinem Konzert schlüpft er in verschiedene Personen und hat am Ende das ganze Schiff unter seiner Kontrolle. Fragen über Fragen:

Wird FAUSTL Caterina Martinelli an Bord der Queen Mary II finden?
Wird er Caterina das Taschentuch zurückgeben können?
Ist Caterina seine verstorbene Frau Eurydike?
Wenn nicht, wo ist EurydikeI
Ist FAUSTL Orpheus?
Wie wird FAUSTL zurückkehren?
Bleibt er auf der Erde?

Caterinuccia


Mein Avalon

ZETTELKASTEN Musik; DER ROTE FADEN / VOR*Lesung 1.3
Sequenz für analogen Synthesizer aus folgenden Jahreszahlen:
1893-1925 -1934 – 1940 -1957 -1958 -1963 -1975 -1977 -1984-1991-1996- 2004 2005 – 2007 – 2010 – 2019
O = Pause
l=C
9 = Triole auf der vorangegangenen Note
FAUSTL-Sequenz
CCTrE – CCTrDG – CCTrEF – CCTrF _ – CCTrGH – CCTrGC – CCTrAE – CCTrHG – CCTrCF –
CCTrCCTrA- D _ G- D _ H – D C – D_CCr
1940 Thomas Ernst JOHANNES Bremser
Geräusche einer JU 88 aus dem zweiten Weltkrieg.
FAUSTL liegt auf dem Boden unter einem Fallschirm irgendwo in Norwegen 1940. Während der Ouvertüre bewegt sich der Fallschirm. Taschenlampenlicht unter der
Fallschirmseide. FAUSTL kommt mit blutüberströmten T-Shirt zum Vorschein.
Er hat eine Atemmaske auf und redet stumm auf das Publikum ein, bis er merkt,
dass er einen großen Atemzug aus seiner Gasflasche nehmen muss um verstanden zu werden. Danach versteht man ihn, dank des Gases, zum ersten Mal.
Er dreht die Sanduhr um, die er am Gürtel hängen hat. So lange noch bis zum nächsten
Atemzug. Er stellt ein mitgebrachtes kleines Metronom auf.



VOR*Lesung 3.1

ZETTELKASTEN zu DER ROTE FADEN / VOR*Lesung 1.3
Texte VOR*Lesung 1.3

Die Zeiträuber

von Thomas Bremser
Musik [Purcell Ground aus „Music for awhile“]
Instrument MOOG Grandmother, analog Synthesizer
Der Ground ist als Sequenz 1 gespeichert und leise im Hintergrund zu hören.
FAUSTL:
Prächtig zaust dein Atem durch mein Lockenhaar
Wirre Träume werden aufgepustet
Mild und heimlich schwebt Versuchung an mein Ohr
Tunkt den Zungenschwamm ganz tief
Drückt und knetet quer zur Zeit
Und knallt im Kopf- es ist soweit
Die Sonne wird Brikett und rußt
Der Mond verschluckt sich
Und so ein Pech – kein Prinz ist da
Ein Indianer lässt im Dom karierte Drachen steigen
Die Garbo darf nochmal entbunden werden –
Catterinuccia’s Stimme ruft:
,,Hier FAUSTL, knete Deine Gedanken selbst zu Brei!
Sprich mir nach! Bete!
Komm Tunkelheit, lass die Nachtegal präludieren!
Leg mir den Mühlenstein um Aug und Ohr.
Bitt-bett‘ mich sanft und leck mir den Teig-Tag vom Nachtgewand.
Lass mich entzeitigt, sämig torkeln im Nichtsnutz der Träume.
Und schepper meinen Alltag übers taube Gehirngestirn!“
FAUSTL:
Aaaaaaaameeeen !
[Caterinuccia entflieht in die Weite des Raumes]
So Ich bitt Dich – hör niemals auf mit schmiegen
Lass uns jetzt die Zeit besiegen
Und fliehen – schläfrig nachtbetrunken lieben
Glück tropft labbrig von da draußen
Mensch-milchige Stille über und unter
Baumärmchen und Strauchbeinchen
In deinem großgelockten Tal
Und schläfrig säusel ich mundvoll nach dir.
Subito Musik [Purcell: Music for awhile mit Altus auf die Sequenz 1 des Groundes]